Über Stephen King muss man wohl keine großen Worte mehr verlieren: Die Geschichte vom bitterarmen Lehrer, der mit Frau und Kindern in einem kleinen Wohnwagen haust und schier über Nacht zum Bestsellerautor avanciert, wäre Stoff für eine eigene Geschichte (die wohl von Kritikern als völlig unrealistisch und kitschig abgewatscht werden würde).
Kings Stärken liegen meiner Ansicht nach in der literarischen Form der Kurzgeschichte. In der 1985 erschienen Kurzgeschichtensammlung Skeleton Crew vereinigen sich einige seiner besten Storys mit weniger guten. Doch der Reihe nach. Im deutschsprachigen Raum wurde aus mir unverständlichen Gründen der zugegeben umfangreiche Band auf drei dünne Bändchen namens Im Morgengrauen, Der Gesang der Toten sowie Der Fornit aufgeteilt.
Erst Mitte der 90er erschienen alle Geschichten in einem Buch vereint. Warum erwähne ich das? Weil ich dringend anrate, nicht einen oder mehrere dieser Bände zu erwerben, sondern gleich Blut . Dies nicht nur aus Gründen der Vollständigkeit, sondern auch, weil in Kursivan Blut sämtliche Storys von Übersetzer-Ass Joachim Körber neu überarbeitet wurden. Und dies merkt man den Geschichten an, die in erwähnten drei Bänden teilweise schlampig übertragen wurden.
Nach einem, wie immer interessanten, Vorwort Kings, startet der Band gleich mit einer der unbestreitbar besten Geschichten, die das Genre insgesamt zu bieten hat: Der Nebel erinnert vom Umfang her eher an einen Kurzroman, denn an eine Kurzgeschichte. Aus der Sicht eines durchschnittlichen Bewohners Maines wird geschildert, wie unheimliche Vorgänge eine Kleinstadt erschüttern.
Nach einem ungewöhnlich heftigen Unwetter fährt der Protagonist mit seinem kleinen Sohn und einem nervigen Nachbarn in die Stadt um Lebensmittel zu kaufen. Im Supermarkt angekommen, zieht King auf unglaublich raffinierte Weise die Spannungs-Schrauben an: Ein seltsam dichter Nebel hüllt das Gebäude ein. Und nachdem ein Erdstoß das Gebäude erschüttert hat, sehen sich die Eingeschlossenen dem Unbekannten gegenüber.
Merkwürdige Kreaturen fallen über den Supermarkt her und es wird klar, dass das Gebäude keinen Schutz bietet. Doch nicht nur von Außen droht Gefahr: Wie immer bei King lauern die wahren Monster unter den "normalen" Menschen, die in extremen Situationen völlig durchdrehen. Schlussendlich beschließen der Ich-Erzähler und einige Bekannte die Flucht. Dabei werden sie mit spinnen-ähnlichen Monstern konfrontiert, die offensichtlich die gesamte Kleinstadt entvölkert haben. Und weitaus beängstigendere Kreaturen lauern im Nebel auf ihre Opfer...
Das Besondere an der Geschichte ist neben der "realistischen" Schilderung die Tatsache, dass kein Platz für etwaige Heldentaten, eingreifende Marines, Außerirdische, etc. geschaffen wird. Ein Normalbürger erzählt die unglaubliche Geschichte aus seiner Sicht, ohne dass er die Hintergründe des Ganzen erklären könnte (es wird eine Vermutung aufgestellt, die aber an keiner Stelle erhärtet werden kann). Vielleicht sogar die Beste Geschichte Kings überhaupt!
Daran anschließend folgt das mir rätselhafte Hier seyen Tiger . Ein kleiner Schuljunge fürchtet sich vor dem Tiger auf der Toilette. Oder so wie. Ganz begriffen habe ich das Ganze nicht und ich hege den Verdacht, dass sich King lediglich einen Scherz mit dem Leser erlaubte. Es sei ihm gestattet.
Der Affe ist eine sehr konventionelle Geschichte über ein mörderisches Spielzeug. Erinnert ein bisschen an eine ähnliche Geschichte Kings. Eher bescheidene Qualität.
Um so heftiger wirkt da Kains Aufbegehren : Ein College-Student flippt aus und schießt mit seinem Gewehr auf andere Studenten.
Laut King geht die Geschichte auf einen tatsächlichen Vorfall zurück, als der bis dahin unbescholtene Studen Walt Whitman scheinbar ohne Motiv ein Kursivan Blut bad anrichtet. Der kurze, lakonische Stil zieht den Leser unweigerlich in seinen Bann. Es wird nichts erklärt oder gar beschönigt - und gerade dadurch wirkt alles viel erschreckender.
Mrs. Todds Abkürzung ist eine fast typische King-Geschichte: Aus einem völlig normal wirkenden Alltagsgeschehen extrahiert er eine absurde Situation, die nicht erklärt, sondern lediglich geschildert wird. Hier ist es der Spleen der titelgebenden Dame, mit ihrem Auto Abkürzungen zu suchen. Eine dieser Abkürzungen scheint nicht von dieser Welt zu sein... Harmloser Lesespaß.
Geradezu dokumentarisch belegt Der Jaunt Kings wohl größte Schwäche: Science Fiction. Die Geschichte von der Erfindung des Teletransporters, der beim Passagier-Transfer von der Erde zum Mars einem übermütigen Jungen zum Verhängnis wird, kann bestenfalls als durchschnittlich bezeichnet werden.
Spannung oder gar Horror kommt an keiner Stelle des Textes auf. King scheint SF nicht sonderlich zu mögen: Fast in allen seinen SF-Geschichten wirkt gerade das SF-Element absurd oder gar lächerlich. Mir unverständlich warum dem so ist.
Keinen Horror im eigentlichen Sinne bietet Der Hochzeitsempfang . Die Geschichte spielt im Amerika der 1930er Jahre und handelt von einem Schwarzen, der als Bandmitglied auf der Hochzeit eines Mafia-Paten spielen soll. Die Hochzeit wird zum Blutbad, das der Erzähler überlebt - ebenso wie die Braut, eine enorm fettleibige Weiße, die nach dem Massaker zum Racheengel mutiert und doch seltsame Vertrautheit mit dem Musiker verspürt. Denn beide sind sie Außenseiter. Sehr berührend und gut geschrieben!
Paranoid: Ein Gesang ist eine Art hypnotisches Gedicht. Kaum erwähnenswert, da ziemlich beliebig.
Eindeutig Horror dagegen ist Das Floß : Vier College-Studenten nutzen einen der letzten schönen Herbsttage, um in einem abgelegenen Waldsee zu planschen. Doch ein harmlos scheinender "Ölfleck" entpuppt sich als grauenhafte Bedrohung, die die Studenten zwingt, auf besagtem Floß Schutz zu suchen. Natürlich können sie dort nicht ewig ausharren - das monströse Ding, dessen Existenz nicht weiter erklärt wird, hat jedoch Zeit und Geduld...
Unbedingt eine der besten Storys dieses Bandes! Dass das bedrohliche Element völlig absurd ist, stört nicht weiter, da King es unnachahmlich versteht, durch die Geschichte selbst zu fesseln, nicht durch kryptische Erklärungen oder unrealistische Action.
Bescheidener gibt sich Textcomputer der Götter . Der Ich-Erzähler entdeckt, dass er sein verpfuschtes Leben mittels eines mit geheimnisvollen Kräften ausgestatteten Computers radikal ändern kann. Was er natürlich auch macht.
Hanebüchen und langweilig erzählter Fantasy-Mist.
Eben so wie Der Mann, der niemandem die Hand geben wollte . Dabei geht es um einen Mann, der in Indien verflucht wird. Dieser Fluch bewirkt, dass jede Person, die ihm die Hand gibt, stirbt.
Ziemlich gequält wirkt das Ganze und konstatiert, dass man bei King sehr schön zwischen Storys unterscheiden kann, an denen er mit Herzblut wirkte und solchen, die er aus irgend welchen Gründen schreiben "musste".
SF-Unsinn die Zweite: In Dünenwelt stranden ein Mensch und ein Android auf einem Wüstenplaneten. Bis der Mensch bemerkt, dass die Dünen eine Art Leben besitzen, ist es fast schon zu spät. Die vermeintliche Rettung durch ein anderes Raumschiff scheitert kläglich.
Wieder gelingt es King nicht, ein "klassisches" SF-Thema überzeugend darzustellen. Durchaus gelungene Passagen werden durch "humorige" (?) Einschübe zunichte gemacht.
Das Bildnis des Sensenmanns ist eine von Kings kürzesten Storys überhaupt: Darin entdeckt ein Mann, dass ein bestimmter Spiegel ein schreckliches Geheimnis birgt.
Trotz der Kürze eine echte Gänsehaut-Geschichte, die Kings Talent beweist, die richtigen Knöpfe im Hirn des Lesers zu drücken.
Die neben Der Nebel beste Geschichte stellt Nona dar . Ein junger Mann hat genug vom College und seinen Pflegeeltern und beschließt, irgendwo hin zu gehen, wo die Zukunft mehr für ihn parat hält. Dabei schließt sich ihm unversehens ein wunderschönes Mädchen - Nona - an, die ihn zu Gewalttaten animiert, für die er später in den Knast wandert.
Was den Reiz der Geschichte ausmacht ist die Ungewissheit, ob der Ich-Erzähler verrückt ist oder nicht. Dies wird auf raffiniert-subtile Weise erreicht, indem die Taten rückblickend zwar aus Sicht des Jungen geschildert werden, er jedoch auch die "offizielle Version" einfließen lässt. Eine Geschichte, die King über jeden Zweifel erhaben scheinen lässt...
... was durchaus nützlich ist angesichts des "Gedichts" Für Owen . Was dieser sentimentale Quatsch in einer Kurzgeschichtensammlung zu suchen hat, soll mir erst einmal jemand erklären!
Besser gehts weiter mit Überlebenstyp . Ein Mann strandet auf einer einsamen Insel. Als er nicht genug Nahrung findet entsinnt er sich seiner medizinischen Kenntnisse...
Gar nicht mal so absurde Geschichte, die wohl zu Kings originellsten Geschichten gehört.
Im Gegensatz zu Onkel Ottos Lastwagen , wo ein Auto anscheinend von einem bösen Geist beseelt ist. Klingt ein bisschen wie Christine und ist genau so langweilig und dämlich.
Morgenlieferungen und Große Räder handeln von einem psychopathischen Milchmann. Ich verkneife mir jeglichen Kommentar zu diesen mehr als dürftigen Geschichten.
King pur ist Omi . Ein kleiner Junge wird auf Grund besonderer Umstände zu Hause allein gelassen mit seiner bettlägrigen Großmutter. Im Laufe der Geschichte - die aus Sicht des Jungen geschildert wird - kristallisiert sich heraus, dass "Omi" ein ziemlich interessantes Vorleben geführt hatte. Als sie unvermittelt zu atmen aufhört, ist der Junge anfangs sogar erleichtert - bis er das ganze grausame Geheimnis um "Omi" erkennen muss.
Die Geschichte lebt nicht nur von ihrem leicht schrägen Plot: Kenner von HP Lovecraft - den King sehr verehrte - werden einige Déjà-vus erleben.
Die Ballade von der flexiblen Kugel ist Kings ironische Antwort auf die ihm inzwischen verhasste Frage: Wo kriegen Sie eigentlich Ihre Ideen her?
Der Redakteur einer Literaturzeitung erzählt auf einer Party vom Fall eines Schriftstellers, der die Antwort auf diese Frage plausibel, wenngleich absurd erklären konnte: In seiner Schreibmaschine befände sich ein kleiner Elf, den er "Fornit" nannte. Dieser lieferte ihm die Ideen, so lange er ihn gut behandelte. Natürlich geht eines Tages etwas schief und der Schrifsteller dreht völlig durch. Beängstigender Weise scheint der Wahn (?) jedoch den Redakteur selbst befallen zu haben...
Trotz des deutlich sarkastischen Untertons eine absolut gelungene Geschichte, die eines von Kings liebsten Motiven aufgreift: Können wir zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden?
Den Abschluss bildet die fast lyrische Erzählung Die Meerenge . Sie handelt von einer alten Frau, die ihr gesamtes Leben auf einer kleinen Insel verbrachte und dieses Leben Revue passieren lässt. Nun kann man darüber streiten, ob eine "normale" Geschichte in eine Horror-Sammlung passt. Auf jeden Fall liest sich die Story gut und berührend.
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