Gleich mit seinem ersten veröffentlichten Roman erzielte der junge deutsche Autor Sebastian Fitzek einen Bestseller. Ganz nachvollziehen kann ich diesen Erfolg nicht, wiewohl der Plot nach einem spannenden Pageturner klingt.
Der berühmte Psychiater Viktor Larenz zieht sich nach dem Verschwinden seiner zwölfjährigen Tochter Josy auf die kleine Nordseeinsel Parkum zurück. Eines Tages sucht ihn eine junge Frau namens Anna Spiegel auf und bitte ihn, er möge sie therapieren. Zunächst lehnt er ihr Ansinnen ab. Doch dann beginnt sie trotz seines Widerstandes von ihren Wahnvorstellzungen zu erzählen, die sich um ein Mädchen drehen, das Josy erstaunlich ähnlich scheint…
Was Fitzek durchaus gelingt ist, auf den ersten Seiten eine konstant bleibende Spannung aufzubauen, die zum Weiterlesen animiert. Man möchte unbedingt erfahren, wie es möglich ist, dass bei einem ganz gewöhnlichen Arztbesuch ein Mädchen spurlos verschwindet, wer die geheimnisvolle Anna Spiegel ist und welches Spiel sie treibt. Die recht kurzen Kapitel enden denn auch meist mit einem neu aufgeworfenen Handlungsfaden, dessen sinnvolles Verknüpfen zu einem Netz man erwartet.
Auf den Inhalt kann ich nicht weiter eingehen, ohne den „Plot-Twist“ vorwegzunehmen. Gerade dieser entpuppte sich für mich jedoch als Riesenenttäuschung, führt er doch fast das ganze vorangegangene Geschehen ad absurdum. Für viele Leser wird dieser „Twist“ unvorhersehbar und verblüffend sein. Leider ahnte, oder vielmehr befürchtete, ich diesen bereits kurz nach dem Auftauchen von Anna Spiegel. Apropos: Nomen est Omen. Es wäre besser gewesen, Fitzek hätte einen weniger prägnanten Nachnamen gewählt, liefert er doch auch hierbei allzu deutliche Hinweise auf die Pointe, die in Folge einiger thematisch sehr ähnlicher Filme wie „Fight Club“ oder „Identity“ fast schon inflationär verwendet wurde und wird.
Zudem lässt einen der Schluss etwas verwirrt zurück, da er extrem aufgesetzt wirkt. Die Vermutung liegt nahe, dass der Roman rund um den Epilog geschrieben wurde.
Stilistisch bewegt sich die Geschichte auf ausgetretenen Pfaden und scheut vor jeglichem Risiko zurück, was ich dem Autor nicht ankreiden möchte: Wer den Massengeschmack treffen möchte, muss sich seinem Diktat beugen.
Nicht zufrieden stellten mich auch die dürftigen Charakterisierungen: Man erfährt zwar alles Notwendige über die einzelnen Personen, aber nicht mehr. Somit gilt für diesen Punkt das Gleiche wie oben beschrieben: Das Diktat des Marktes verlangt nach Simplizität.
Mein Fazit: An diesem Roman wurde wohl so lange geschliffen, bis jegliche Ecken verschwunden waren und sich der Text stromlinienförmig dem Geschmack der Lesermasse angepasst hat. Extrem leichte Kost, die nur kurz sättigt und keinerlei Nachgeschmack hinterlässt. An keiner Stelle fieberte ich mit irgendeiner der Personen mit oder fühlte mich vom Autor im positiven Sinne überrascht. Kurzum: Leicht verdaulich, tut nicht weh, ist rasch konsumiert. Meiner Ansicht nach darf, ja, soll Literatur jedoch auch schwer im Magen liegen, den Leser am Kragen packen, ihm einen Schlag in die Magengrube verpassen, drastische Bilder vor Augen führen.
Vielleicht fasst der Autor mit dem überragenden Erfolg von „Die Therapie“ im Rücken bei seinem nächsten Buch mehr Mut und schafft es, den Leser nachhaltig zu erschüttern. |