Alexander


Land: USA, 2004
Regisseur: Oliver Stone
Darsteller: Colin Farrell, Angelina Jolie, Anthony Hopkins

In seltener Einmut fiel Oliver Stones Version des berühmten mazedonischen Herrschers Alexander der Große sowohl bei den Kritikern, als auch an den Kinokassen völlig durch. Und leider muss ich als Genießer historischer Stoffe den Verrissen aus „God´s odd country“ beipflichten. Doch der Reihe nach.

Mit „Alexander“ betritt Provokateur Oliver Stone in gewisser Weise Neuland: Wenngleich er in seinem Oeuvre auf einige Biographien berühmter Persönlichkeiten zurückblicken kann, so wagt er sich mit dem Projekt über einen der mächtigsten Herrscher aller Zeiten auf das unsichere Terrain des Monumentalfilms, und mehr noch: Anstatt auf Ikonen der Pop-Kultur bzw. der Politik wie Jim Morrison oder Nixon, setzt Stone in seinem neuesten Streifen auf den vor allem in den USA wohl wenig bekannten Herrschers über weite Teile der damals bekannten Welt.
Während nun Monumentalfilme, die an die römische Geschichte angelehnt waren in den USA meist große Erfolge waren – etwa „Spartacus“ oder zuletzt „Gladiator“ -, scheint das Publikumsinteresse proportional zum Bekanntheitsgrad des verfilmten Stoffes zu sinken. So avancierte etwa der „Kleopatra“-Film mit den damals größten Stars wie Liz Taylor und einem selbst nach heutigen Maßstäben ungeheurem Budget zum veritablen Flop und blieben zum Beispiel Luc Bessons Version der Jungfrau von Orleans oder Wolfgang Petersens Mammut-Projekt über den trojanischen Krieg weit unter den Einspiel-Erwartungen.
Folgerichtig konnte auch „Alexander“ trotz großen finanziellen und schauspielerischen Aufwands nicht reüssieren. Im Folgenden soll erläutert werden, warum dies wenig Wunder nimmt.

Bereits die ersten Minuten lassen Übles vermuten: In der Gestalt des über Alexanders Leben und Wirken fabulierenden Ptolemaios, agiert selbst Charaktermime Anthony Hopkins blass und ungewohnt lustlos. Narrativ ist er die Klammer, die das Ganze zusammenhalten soll. Was nun bei manchen Filmen durchaus Sinn macht – also die Retrospektive auf ein ereignisreiches, spektakuläres Leben -, wirkt hier in Folge der erschreckend schwachen Regie ermüdend, langweilig und teilweise sogar ärgerlich. Etwa, wenn mitten im Film ein radikaler Sprung zurück in Alexanders Kindheit unternommen wird um zu erklären, auf welche Weise der junge Makedone entgegen dem Willen seines Vaters König wurde.
Was bei einem Regie-Neuling zwar nicht weniger ärgerlich, aber durchaus verzeihbar wäre, verstört den geneigten Cineasten, wenn solch ein bemühter Kunstgriff das ohnedies lahme Tempo des Films weiter drosselt.
Überhaupt ist fraglich, wie weit auf der Höhe seiner geistigen Zurechnungsfähigkeit sich Mr. Stone befand. Zeichneten sich seine Filme bislang durch Tempo, Bildgewalt, Mut zur Provokation sowie entschlossenem Anti-Mainstreams aus, so gerät „Alexander“ diesbezüglich zum Paradebeispiel eines unsäglich öden, typischen Hollywood-Filmchens, das sich nicht entscheiden kann, auf welchem Sessel es Platz nehmen wolle.
Und so landet „Alexander“ zwischen allen Stühlen und folglich unsanft auf dem Popscherl.

Natürlich ist es schwierig, ein dermaßen umfangreiches Leben wie jenes von Alexander dem Großen auf drei Stunden zu komprimieren und dabei wenigstens die wichtigsten Stationen seiner Existenz und seines Wirkens, seiner Triumphe und Niederlagen, seines Charakters und seiner menschlichen Stärken und Schwächen darzulegen. Um so erstaunlicher und peinvoller gerät das völlige Versagen von Oliver Stone, den Film entschlossen in eine Richtung zu lenken.

Die eigentliche Frage: „Wer war Alexander? Was machte ihn zum größten Feldherrn seiner Zeit? Warum folgten ihm tausende bedingungslos bis ans Ende der damals bekannten Welt? Und woran zerbrach er?“ wird nicht beantwortet. Einigermaßen erträglich wird noch Alexanders komplizierte Hass-Liebe zu seiner Mutter Olympia (Angelina Jolie – wie immer extrem verführerisch; mehr aber auch nicht) dargestellt sowie sein erfolgloses Bemühen, von seinem Vater Philip (der einzige darstellerische Lichtblick: Ex-Jim Morrison-Akteur Val Kilmer) Liebe und Achtung zu erlangen.

Die Machtergreifung durch Alexander wird fragmentarisch und – siehe oben – rückblickend erzählt.
Stichwort erzählen: Am Ärgerlichsten empfand ich, dass viele bedeutende Ereignisse nicht etwa in Bildern dargestellt, wie man das in einem Film eigentlich erwarten dürfte, sondern von Ptolemaios aus dem off erzählt werden. Stellenweise kam mir der Film wie das teuerste Hörspiel aller Zeiten vor.
Womit Stone fast die ganze Spiellänge füllt, sind die viel zu ausführlichen Beschreibungen seiner Beziehung zu Olympia sowie zu Philip sowie – und das wirkt ungleich schwerer! – die schrecklich langweilige „Liebes“geschichte mit seinem Jugendfreund Hephaistion (immerhin ein „Oscar“-Favorit für die Beste Maske: Jared Leto, den in diesem Film vermutlich nicht mal seine eigene Mutter erkennen würde). Hätte Stone wenigstens den Mut, die Liebe der beiden Männer zueinander kompromisslos in Szene zu setzen. Stattdessen darf Hephaistion seinen Alexander zwar anschmachten, aber um auch ja in Mainstream-Bahnen zu bleiben, ist den beiden lediglich ein scheues Küsschen vergönnen. Vermutlich hat Stone auch nur kalte Füße bekommen, gab es doch bereits im Vorfeld des Films heftige Diskussionen darüber, ob man eine historische Persönlichkeit vom Rang eines Alexander als schwul (was er ja auch war!) outen dürfe. Is ja schließlich echt pfui und ekelig, und außerdem könnten unsere Kinder vom bloßen Zusehen schwul werden, nicht wahr?

Der Ire Colin Farrell ist als großer Herrscher eine geradezu famose Fehlbesetzung. Zwar ist er mit seinem blonden Lockenköpfchen (gesponsert von: „Wüste, 50 Grad, Schlachtengetümmel, die Frisur hält – dank 3-Wetter-Taft!“) hübsch anzusehen, hat allerdings null Charisma und Ausstrahlung. Gerade als Figur mit Führungsanspruch erfordert seine Rolle jedoch einen charismatischen Darsteller vom Schlage eines Kirk Douglas oder Russel Crowe, um in die Gegenwart zu springen.
Monumental wirkt der Film übrigens an keiner Stelle. Trotz dreistelligem Millionen-Budget dümpeln die (wenigen) Schlachtszenen sowie etwa die Darstellungen von Babylon oder Indien auf besserem Fernsehfilm-Niveau dahin. Episch ist einzig die Langeweile.

Unfassbar schlecht präsentiert sich der Soundtrack. Noch unfassbarer: Dieser wurde von Vangelis (ua. „Blade Runner“, „Chariots of Fire“, „1492“) komponiert! Möglicherweise die späte Rache eines Griechen an einen Mazedonier?

Fazit: Bei aller Sympathie für Historienschinken und dem launischen Genie eines Oliver Stone – „Alexander“ ist ein komplett missratener Langeweiler par Excellence. Noch dazu wenn man bedenkt, dass es sich um keinen Schnellschuss handelte und zwischen diesem und seinem vorletzten Film fünf Jahre liegen. Man kann nur hoffen, dass es sich um einen Ausrutscher handelte und wir bald wieder über einen typischen Stone-Aufreger à la „Natural Born Killers“ diskutieren dürfen.