Fahrenheit 9/11


Land: USA, 2004
Regisseur: Michael Moore
Darsteller: Michael Moore, George W. Bush, John Ashcroft

Wer wie der Autor dieser wundervoll-poetischen Zeilen in den 70er/80er Jahren aufgewachsen ist, wird sich mit einer Mischung aus ehrlicher Nostalgie und Gänsehaut an jene Art Filme erinnern, die man damals in der Schule oder (als Exkursion getarnte Freistunden für den Lehrerstab) im Kino sah.
Während in den Klassenzimmern Uralt-Projektoren röchelnd die mit akribischer Perfektion ausgesuchten, jeweils langweiligsten „Lehrstreifen“ aller Zeiten auf die ausgebleichte Leinwand warfen und in ihrem Unterhaltungswert das Beobachten von wachsendem Gras problemlos überflügelten, waren die Kinofilme differenzierter zu betrachten. Da gab es zum einen jene stets aus der DDR oder CSSR (ja, liebe PISA-Generation: Diese Länder gab es tatsächlich und sind keine Erfindung lustiger deutscher Komödien) stammenden, grauenhaft faden und verlogenen Filmchen, die sich meist um den Gewinn von Freiheit drehten – was auf zynische Weise durchaus lustig war.

Zum Glück gab es daneben aber weitaus interessantere Filme, genauer gesagt Tier-Dokumentationen, wie dem legendären Disney-Streifen „Die Wüste lebt“.

Irgendwann in den 80er Jahren konnte man Dokumentationen, die im Kino liefen, auf die Liste ausgestorbener Zelluloid-Kuriositäten setzen. Bis ein in unseren Breitengraden völlig unbekannter, fülliger, freundlicher All-American-Typ namens Michael Moore das Genre in einer Weise revolutionierte, wie man es bestenfalls mit George Lucas „Star Wars“-Sage vergleichen kann.
2002 räumte seine Abrechn8ng mit der gewaltbesessenen amerikanischen Gesellschaft „Bowling for Columbine“ ab: An den Kinokassen weltweit ein Hit, dazu die Anerkennung in Form eines Oscars und ein veritabler Eklat bei der Ansprache, der dazu führte, dass die Oscar-Verleihung um ein paar Sekunden zeitversetzt ausgestrahlt wird, um etwaige „unliebsame“ Dankesreden ein bisserl zu zensieren.

. Zwei Jahre später legt der unbequeme Filmemacher noch eins drauf: „Fahrenheit 9/11“ übersprang als erster Dokumentarfilm überhaupt die magische Einspielmarke von 100 Millionen Dollar in den USA und könnte sogar als jener Film in die Geschichte eingehen, der eine Präsidentschaftswahl entscheidend beeinflusste. Denn das Ziel des Filmes ist klar: Moores Erzfeind George W. Bush darf keine zweite Legislaturperiode antreten!

Um dieses Ziel zu erreichen, sind dem bekennenden Linken alle Mittel Recht. Dass er dabei mitunter vergisst, dass Hass und Abscheu alleine keinen Zweistundenfilm füllen, muss als einer der negativen Kritikpunkte an Moores neuestem Streifen gelten.

Was bei „Bowling for Columbine“ noch hervorragend funktionierte, nämlich, dem Film eine Struktur zu geben, so dass er wie ein rundes Ganzes wirkt, in sich abgeschlossen und den Betrachter dazu anhaltend, über das Gesehene nachzudenken, artet bei „Fahrenheit“ zu einer manchmal etwas willkürlich wirkenden Aneinanderreihung diverser Themen aus.

Der Film beginnt mit den mehr als seltsamen Umständen, mit deren Hilfe George W. Bush zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Wahlentscheidend war sein Sieg im Bundesstaat Florida . Angesichts der Tatsachen, dass sein Bruder dort Gouverneur ist und einige „Freunde“ an sehr entscheidenden Stellen die Hebelchen bedienen, ist die Optik des Sieges doch ein wenig getrübt (davon abgesehen, dass das Wahlsystem den Sieg eines Kandidaten erlaubt, der nicht die Mehrheit der Stimmen erringt).
Weiter geht es mit einem Wendepunkt der Weltgeschichte: Den Anschlägen vom 11. September 2001. War George W. Bushs Beliebtheit bis dahin ständig im Sinken begriffen, war er danach der entschlussfreudige „Kriegspräsident“, der einen Krieg gegen den Terror mit Zustimmung der überwältigenden Mehrheit der Amerikaner zu führen trachtete (wobei die Frage erlaubt sein muss, wie naiv Menschen sein können um anzunehmen, man könne abstrakte Ideen/Ideologien bekämpfen; der Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg war schließlich auch kein Sieg gegen den Antisemitismus oder Rassismus, sondern ein Sieg gegen mehrere verbündete Nationen).
Daran anschließend begibt sich Moore auf sicheres Terrain: Die Abscheu vor Krieg und Zerstörung, hier: Der Feldzug gegen den Irak.
Brillant hingegen der Schluss, in dem sich Moore zum Kämpfer der unteren Gesellschaftsschichten aufschwingt.

Was Moore wie wohl kein Zweiter versteht, ist, trockene Fakten mit seinen süffisanten Kommentaren auf eine Weise zu präsentieren, die den Zuschauer unweigerlich in den Bann schlägt. Auf dieser Bahn überrundet ihn so schnell keiner. Hier ist Moore die Nummer 1.
Eben so wie in seinen Büchern stellt sich Moore voll und ganz auf die Seite der Schwachen, jener, die das System ausgespuckt hat oder für die es keine Verwendung zu finden glaubt. Der abgedroschene Begriff des Klassenkämpfers zwängt sich förmlich auf. Und während es lächerlich wirkt, wenn millionenschwere Berühmtheiten für ein paar hübsche Fotos in der Zeitung oder einer Illustrierten Kinderdörfer oder Elendsviertel besuchen, wirkt Moore niemals deplatziert in den Slums der am. Gesellschaft. Im Gegenteil: Wer Moore bei der Oscar-Verleihung sah wird das Gefühl nicht los, dass er sich genau dort, unter den Reichen und Mächtigen extrem unwohl fühlt. Kurz gesagt: Moore wirkt wie „einer von uns“, und das macht ihn vermutlich auch dermaßen beliebt (und gehasst zugleich).

Das Problem mit seiner Art Dokumentation ist das gleiche wie bei „Bowling for Columbine“: Das, was er heftigst anprangert, nämlich einseitige Berichterstattung und manipulative Bilde, praktiziert er selber im Überfluss. In „Fahrenheit“ ist dies deutlich bedenklicher als im Vorgängerfilm, wo er den damals bereits fast 80jährigen Hollywood-Veteran dank geschickter Fragen und Kameraführung als gefühllosen, fiesen Rassisten darstellte. Meiner Meinung nach schon deshalb absurd, wenn man sich einige von Hestons (großartigen!) Filmen anschaut, wie „Planet der Affen“, „Ben Hur“ oder „Soylent Green“, die allesamt für Toleranz und Menschlichkeit warben.

In „Fahrenheit“ trägt Moore stellenweise ärgerlich dick auf. Wie viel gehört dazu, George W. Bush als vertrottelten Taugenichts hinzustellen? Durch geschickte Montage könnte man selbiges auch bei Bill Clinton oder jedem anderen Politiker erreichen. Und an Archivmaterial mangelt es bei einem Menschen wie George W. Bush sicherlich nicht!
Man verstehe mich nicht falsch: Ich bin kein glühender Anhänger dieses Mannes. Aber Moores Hass (man muss dies so deutlich schreiben) ist geradezu pathologisch. Natürlich ist keine Dokumentation wirklich objektiv. Dennoch sollte der Filmer auf Ausgewogenheit bedacht sein, denn alles andere fällt in die Kategorie Agitation. Leider betreibt Moore genau dies in seinem Zwei-Stunden-Werbespot gegen den bösen George W. Bush. Besonders übel fällt dies bei jener Szene auf, die am elften September den Präsidenten bei einem Besuch in einer Grundschule zeigt. Nachdem man ihn davon unterrichtet hat, was vor wenigen Minuten geschehen ist, sitzt Bush fast apathisch auf seinem Stuhl.
Die Intention Moores ist klar: „He, seht euch diesen dummen Gesichtsausdruck an! Warum tut der Kerl nichts?“
Tun? Ja – was denn? Weinend zusammen sinken? Aufspringen und schreien: „Diesen Schweinen werden wir es zeigen!“? in der Nase bohren?
Ich behaupte einfach mal, Bush hat das getan, was viele ihm nicht zutrauen: Nachdenken, Pläne entwerfen, analysieren. Die Vergangenheit hat oft genug bewiesen, dass aus dem Bauch heraus getroffene Entscheidungen nicht immer die glücklichsten sein müssen. Ist nicht ein nachdenklicher erster Mann der USA dienlicher als ein Impulsiver, Unberechenbarer? Break

Eine nicht unähnliche Szene erleben wir gegen Ende des Films: Nachdem Moore räsoniert, dass nur ein einziger Abgeordneter des Senats eines seiner eigenen Kinder in den Irakkrieg ziehen ließ, beschließt Moore, die Senatsmitglieder davon zu überzeugen, ihre Kinder in den Irak zu entsenden. Natürlich hat Moore völlig Recht mit seiner Feststellung, dass größtenteils die unteren Schichten den Blutzoll entrichten müssen, den das am. System mit seiner aggressiven Politik verlangt. Aber ist es notwendig, dies auf eine so plumpe Art zu karikieren? Hätte Moore eine Szene im Film behalten, bei der ein Abgeordneter begeistert sagte: „Ich werde gleich meine beiden Söhne anrufen und sie bitten, bei der Army anzuwerben und in den Irak zu gehen“? Meiner Ansicht nach handelt es sich um eine klassische Gewinnsituation ohne Risiko für den Interviewer.

Genau so wenig kann Moore bei den Bildern des Irakkriegs etwas falsch machen. Er filmt lachende Soldaten, die sich über die Iraker lustig machen, Bilder der Zerstörung, Leichen, weinende Iraker, die Allah um Hilfe und Rache bitten. Und unvermeidlich: Ein am. Elternpaar, das einen ihrer Söhne im Irak verlor. Fast voyeuristisch lange hält Moore auf die Mutter des Jungen, wenn sie von ihm erzählt oder zum Weißen Haus pilgert, um dort ihrer Wut und Ohnmacht freien Lauf zu lassen.
Dass Krieg schlecht ist und Tod und Zerstörung bringt, das wusste man auch vorher. Wozu also diese aufdringlichen Bilder einer trauernden Mutter?

Wenn diese Rezension wie ein Verriss klingt, dann deshalb, weil man nach „Bowling for Columbine“ ein ähnlich fesselndes Machwerk erwartete. So nobel Moores Ansinnen auch ist, die dunklen Verbindungen zwischen dem Bush- und dem Bin Laden-Clan aufzudecken, so plakativ-einseitig ist die Methode, so naiv ist seine Überzeugung, dass alles besser wird, sobald die Demokraten wieder am Ruder der Macht sind (nur zur Verdeutlichung: Der heute als Held verklärte Kennedy war es, der den Einmarsch in Vietnam befahl und beinahe einen nuklearen Krieg mit der UDSSR anzettelte – und Kennedy war Demokrat!).
Moores nächstes Filmprojekt soll die Missstände im am. Gesundheitswesen aufzeigen. Man darf davon ausgehen, dass der umstrittene Oscar-Preisträger bei diesem Thema zu seinen alten Stärken zurück findet und die Pfade der Hasstiraden gegen seinen Erzfeind George W. Bush verlassen wird. Dessen eingedenk sollte man als Moore-Sympathisant auf einen Sieg des demokratischen Kandidaten Kerry hoffen, um schonungslose, satirische Hiebe auf unerträgliche Ungerechtigkeiten des american way of life auf Film gebannt bewundern zu dürfen.

Möge Moore mit uns sein!