Rainer Innreiter
Die Website des österreichischen Autors
Minority Report
Land: USA, 2002 Bis zu seinem Tode 1982 war der am. Autor Philip K. Dick lediglich in Fankreisen eine feste Größe. Außerhalb des erdrückend engen Science Fiction-Ghettos wurde er nicht wahr genommen. Dabei waren seine zahlreichen Romane und Kurzgeschichten selbst bei oberflächlicher Betrachtung keinesfalls mit dümmlichen Space Operas oder kruden Zeitreisegeschichten gleichzusetzen - Dicks Werk offenbart sich bei genauer Betrachtung - und nur dann! - als die Essenz aller großen philosophischen Themen: Wer sind wir? Warum sind wir? Wohin gehen wir? Außerirdische Lebensformen, Roboter, Androiden und Zeitreisende waren lediglich Träger seiner Botschaften, nicht alleiniges Mittel zum Zwecke anspruchsloser Unterhaltung, wie wir sie dank unzähliger, meist dümmlicher SF-Serien in kleinen Häppchen präsentiert bekommen. Phil Dick sprengte den Genre-Rahmen, setzte sich über Konventionen hinweg und schuf quasi nebenher geniale Geschichten, die in allen möglichen (meist leider unmöglichen) Variationen seither dem unbedarften Rezipienten angeboten werden. Erst kurz vor seinem viel zu frühen Ableben wagte sich Ridley Scott an die erste Verfilmung eines seiner Werke heran: Kursivan blade runner genießt zwar zu Recht Kultstatus, hat aber mit dem Roman (der eigentlich Do Androids dream of electric Sheep? hieß) kaum etwas gemeinsam. 8 Jahre nach Scott wurde mit Total Recall eine Kurzgeschichte Dicks verfilmt. Wieder extrem verfremdet, wenngleich Verhoevens Action-Kracher erstaunlich perfide Dicks ewige Frage nach der Wirklichkeit iimmer wieder aufgriff und meiner Meinung nach auf eine Stufe mit Kursivan Blade Runner zu stellen ist. Die bis heute "werkgetreuste" Verfilmung eines Dick-Stoffes folgte wenig später mit dem Low Budget-Film Screamers . Diesen drei Filmen gemein ist, dass sie den Geist Dicks atmen. Und dann kam Kursivan Minority Report ... Zweifelsohne ist Steven Spielberg der erfolgreichste Regisseur aller Zeiten und hat seine Stärken - wenn er zwei Stunden lang den Zuschauer auf eine Achterbahnfahrt zwischen harmlosen Grusel und atemloser Spannung schickt, ist er der Meister seines Fachs. Indiana Jones, Der weiße Hai, Poltergeist, Jurassic Park . Keiner dieser Filme glänzt durch besonderen Anspruch oder eine rasend intelligente Storyline - trotzdem verstehen sie zu begeistern, denn Spielberg weiß, wie man den Zuschauer auf hohem Niveau unterhält. Sieht man jedoch von Schindlers Liste ab, waren seine "seriösen" Gehversuche Umfaller erster Güte. Filmen wie Amistad oder Soldat James Ryan mangelt es an Substanz oder, wie bei zweiterem Beispiel, an inhaltlicher Tiefe. Die gute Absicht in Ehren, aber Spielberg ist nun mal kein Scorses oder Kubrick. Trotzdem versucht er es wieder und immer wieder - und hat unfassbarerweise meist auch noch Erfolg mit seinen unsäglichen "ernsthaften" Filmen. Wie eben diesem... Plot: Washington, 2054. Dank der "Pre-Cogs", genetisch mutierten Menschen, die in die Zukunft blicken können, werden Morde verhindert, noch ehe sie tatsächlich geschehen. Die "Mörder" werden gefasst, noch ehe sie ihre Tat überhaupt begehen können. Ein scheinbar perfektes System, das von John Anderton (Tom Cruise) widerspruchslos geleitet wird. Doch eines Tages wird ein Mord vorausgesagt, den ausgerechnet er begehen soll. John flieht und setzt alles daran, seine Unschuld zu beweisen. Aber kann man seinem "Schicksal" entgehen? Basierend auf einer der vielen Kurgeschichten Dicks, orientiert sich der Film nicht allzu nahe an ihr, was dann sinnvoll ist, wenn man die Zeitkomponente berücksichtigt: Dicks Werke entstanden größtenteils vor 1970 und sind somit natürlich in vielerlei Hinsicht "veraltet". Ältere Stoffe filmisch zu revitalisieren erfordert Fingerspitzengefühl, das ein Steven Spielberg (bzw. sein Team) nicht zu besitzen scheint. Science Fiction wird hier mal wieder als bonbonbuntes Spielzeugland für post-pubertäre Männerträume verstanden. Wirklich gut gelungen ist einzig die Vision holographischer Werbung, die Passanten im wahrsten Wortsinne persönlich anspricht. Den Rest der Aktualisierungen kann man sich schenken: Polizisten, die dank Düsenantriebs-Rucksäcken fliegen können, sind ein alter Hut und wirken einfach nur lächerlich (zumal sie strunzdoof sind und außer Stande, einen unbewaffneten, zu Fuß fliehenden Menschen zu fangen). Dito Autos, die von selber fahren oder holographisches Fernsehen. Problematisch sind für mich solche Filme dann, wenn die ach so tollen Techniken reinste Gimmicks sind, die keine sinnvolle Funktion besitzen. Paradebeispiel hierfür sind diei von der Idee her nicht üblen Überwachungsroboter in Spinnenform, die jeden "registrierten" Menschen mittels seiner Iris identifizieren können. Die Cops selber besitzen Infrarot-Geräte, die Wärmequellen (also auch Menschen) aufspüren können. An sich eine tolle Sache, wenn man nicht den Robotern die Intelligenz einer Fernsehfernbedienung auf den metallenen Leib geschrieben hätte - und den Cops die Intelligenz der dazu gehörenden Batterien. Man muss es gesehen haben, um es zu glauben: Da verschwindet John Anderton von den Infrarot-Bildschirmen, da er sich in Eiswasser versteckt. Die Cops bemerken dies. Werden sie misstrauisch? Natürlich nicht: "Sicher nur ein Betrunkener, der eingeschlafen ist". Wer sich hier nicht verarscht fühlt, hat sich bessere Filme nicht verdient. Nicht weniger idiotisch: Zutritt zu überwachten Gebäuden (hier: jenem der Pre-Cog-Einheiten) erlangt man durch Identifizierung über die Iris. Schön und gut. Der schlaue Anderton rechnet damit, dass, sollte er ins Gebäude zurückkehren, Alarm ausgelöst werden würde. Also lässt er sich die Augen "austauschen". Nachdem dies erledigt ist, sucht er das Pre-Cog-Center auf. Wie kommt er rein? Indem er eines seiner "alten" Augen über den Scanner zieht... Wozu dann der Augentausch? Noch dazu, wenn KEIN ALARM ausgelöst wird? Dies sind nur die zwei haarsträubendsten Plot-Holes. Es wimmelt vor Ungereimtheiten und idiotischen Plot-Wendungen, bei denen man aufmerksame Zuschauer eigentlich verhöhnt. Der Jubel der Kritik ist mir somit völlig schleierhaft. Auch auf der tricktechnischen Ebene enttäuscht der Film einige Male. Wer sich die Autobahn aus der isometrischen Perspektive nach Johns Flucht ansieht bemerkt unweigerlich, dass es sich um eine der miesesten CGI-Animationen der letzten Jahre handelt. Erinnert stark an die "Racer"-Szene aus Tron . Wobei zwischen diesen Filmen zwei Jahrzehnte liegen... Extrem ärgerlich sind die Spielberg-typischen Schmalz-Klischees: Die oben erwähnten Spinnen-Roboter zB wirken eher niedlich als bedrohlich. Und wenn da eines dieser Wesen einen Schachtdeckel aufhält, damit die anderen durchlaufen können, erkennt man die Handschrift eines Spielberg mehr als deutlich. Am deutlichsten wohl in jener Szene, als ein Pre-Cog im Hause Anderton feststellt: "In diesem Haus ist soooo viel Liiiiiebe!" An exakt dieser Stelle übergab sich mein Verstand geräuschvoll. Die Versuche, Anderton als drogensüchtigen, fehlerhaften, von Schmerz zerfressenen Cop darzustellen, sind geradezu hilflos amateurhaft. Apropos Filmfiguren: Ganz tief in die Mottenkiste der dämlichsten Klischees greift Spielberg bei einigen nicht unwichtigen Nebenfiguren. Es macht nicht mal Spaß, darüber herzuziehen, deshalb lasse ich es. Freude am Film bereitet lediglich das Wiedersehen mit dem wie immer großartigen Max von Sydow, der Johns väterlichen Freund spielt. Cruise selbst agiert nicht wesentlich anders als etwa in Mission Impossible . Herziges Lächeln, böser Blick, verzweifelter Schrei. Mehr hat er vielleicht nicht drauf - mehr ist aber auch nicht nötig in solchen Schundfilmen. Fazit: Viel zu langer, unlogischer, wenig inspirierter, schmalziger SF-Versuch eines Regisseurs, der völlige Narrenfreiheit genießt. Und diese weidlich ausnutzt. Ich warte lieber auf den vierten Indy-Streifen. |