Filmemacher Morgan Spurlock (Morgan Spurlock persönlich) geht in dieser Dokumentation der Frage nach, warum die USA die fetteste Nation der Welt sind. Der große Erfolg des Billig-Streifens könnte dahingehend interpretiert werden, dass Morgans „Erkenntnis“ für viele Amerikaner verblüffend war: Zu viel fetthaltiges Essen, zu wenig Obst und Gemüse bei gleichzeitig viel zu wenig Bewegung führen zu Fettleibigkeit.
An dieser Stelle würde der Meister des feinen Humors Loriot mit gelangweilter Stimme hinzufügen: „Ach was!“
Knapp zwei Stunden lang begleitet der geneigte Zuschauer Morgan bei dessen „Experiment“, sich einen Monat lang ausschließlich von McDonalds-Produkten zu ernähren. Eingangs lässt sich Morgan von drei Ärzten untersuchen, die ihm beste Gesundheit attestieren. Im Laufe des Selbstversuchs, bricht seine Gesundheit drastisch ein: Die Leberwerte erreichen katastrophale Werte (ein Arzt merkt an, Morgan befinde sich auf dem Weg zu einer Leberzirrhose), er wird lustlos, behäbig und eigenen Angaben nach depressiv. Die Ärzte raten ihm schließlich dringend, den Versuch sofort abzubrechen.
Verschärft wird sein physischer Kollaps dadurch, dass der sportliche Proband auf praktisch jegliche Bewegung verzichtet, um das Verhalten vieler Übergewichtiger, die jeden Meter mit dem Auto zurücklegen und Aufzüge statt Treppen benutzen, zu imitieren.
Dass Michael Moore als Vorbild für die Produzenten des Filmes diente, ist unübersehbar: Extrem polemisch und bedenklich einseitig, filmt die Kamera nur das, was Morgans These, wonach die großen Fast Food-Ketten an der Fettleibigkeit der Amis schuld sei, bestätigt. Gegenmeinungen sind nicht erwünscht.
Während aber „the big One“ Moore immerhin größere Zusammenhänge bei drängenden Problemen der am. Gesellschaft erkennt, ist Morgans Weltbild so naiv wie ein Kinderbuch aus dem 19. Jhdt. Ich will dies an einem Beispiel demonstrieren: In „Bowling for Columbine“ hätte es sich Moore einfach machen und der gewaltbesessenen Gesellschaft sowie den Waffenproduzenten alle Schuld am Amoklauf zweier Jugendlicher in Littletown in die Schuhe schieben können. Doch Moore hinterfragt: Warum lebt die am. Gesellschaft in einem Zwiespalt zwischen Faszination der Gewalt und paranoider Angst? Wer schürt diese Ängste? Welche Motive gibt es dafür, dass in den am. Medien überwiegend Mord&Totschlag präsent sind, als wäre jedem am. Bürger der Tod gewiss, sobald er nur die Türschwelle überschreitet? Tragen Musiker wie Marilyn Manson Teilschuld? Und vieles mehr.
Spurlock hingegen argumentiert wie folgt: Die Amerikaner sind deshalb so dick, weil die bösen Fast Food-Ketten sie dazu zwingen, ihre Produkte zu essen und keinen Sport zu treiben. Punkt.
Unbestreitbar ist, dass etwa McDonalds Werbung unübersehbar ist, dass das Konterfei von Ronald McDonald wohl jedem Kind auf der Welt bekannt ist, dass die meisten McDonalds-Produkte das Verdauungssystem auf eine harte Probe stellen und selbst Salate stark gezuckert sind, damit sie „besser“ schmecken, was den Gesundheitsgedanken ad absurdum führt.
Aber: Kann man es sich tatsächlich so leicht machen und McDonalds dafür in die Pflicht nehmen, dass weltweit täglich Millionen Menschen Hamburger, Pommes und Sundaes verputzen?
Warum stellt Morgan eigentlich nicht die Frage, wie es kommt, dass in vergleichbaren Industrieländern wie Deutschland oder England weitaus weniger Menschen fettleibig sind, obwohl sich Fast Food auch in hiesigen Breiten enormer Beliebtheit erfreut?
Was ist daran (vom betriebswirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen) verkehrt daran, dass ein Unternehmen jede Chance wahrnimmt, seine Produkte feilzubieten? Ist es die Schuld der Fast Food-Ketten, wenn an vielen öffentlichen Schulen in den USA statt gesunder Ernährung tiefgefrorene Fertigprodukte in den Kantinen verteilt werden?
Sind die vielen Getränkeautomaten tatsächlich ein amerikanisches Problem, wie Morgan suggeriert? Gibt es etwa bei uns nicht selbst in Krankenhäusern Softdrink-Automaten?
Seine argumentativen Löcher stopft Morgan mit der Zurschaustellung ach so bedauernswerter Zeitgenossen, die ja nicht ahnen konnten, dass übermäßiger Konsum von Softdrinks (zig Liter Cola jeden Tag!!!) und Fast Food die Gesundheit ruinieren. Um sein schludrig gewobenes Netz aus billiger Propaganda und heuchlerischer Robin Hood-Selbstinszenierung nicht zu zerstören, stellt Morgan niemals die Frage, die jedem Zuschauer auf der Zunge liegt: „Habt ihr keinen Funken Eigenverantwortung?“
Das größte Problem, das ich mit dem Film habe, ist aber das „Experiment“ selbst. Es ist nämlich in höchstem Maße unrealistisch. Wie Morgan gegen Ende (!) des Filmes zugibt, ernährt sich kein Mensch einen Monat lang ausschließlich von McDonalds-Erzeugnissen. Dazu kommt (was Morgan natürlich „vergisst“), dass der menschliche Körper auf eine solche Tortur nicht vorbereitet ist. Nimmt es Wunder, wenn ein sportlicher, sich vernünftig ernährender Mensch auf Grund spiegelverkehrten Verhaltens innert eines Monats extrem zunimmt und seine Organe schädigt?
Gleich zu Beginn des Versuchs gibt es ein symptomatische Szene: Morgan bestellt ein „Supersize“-Menü, das etwa aus einem halben Kilo Pommes besteht und ähnlich absurd proportionierten Mengen. Natürlich rebelliert sein Magen, der auf solche Mengen nicht eingestellt ist, und (hübsch von der Kamera begleitet) erbricht sich der gute Mann, wie es den meisten anderen Menschen angesichts derart gigantischer Portionen ergangen wäre.
Bereits hier gerät der Filmemacher in Erklärungsnotstand – wie ernst kann man einen solchen „Versuch“ nehmen, der von Anfang an vollkommen unrealistisch ist?
Mit diesem Propaganda-Werk wider die Eigenverantwortung freier Bürger, leistet Morgan der Tendenz Vorschub, einfache Lösungen für komplexe Probleme zu suchen: „Es geht mir gar nicht gut. Irgend jemand muss Schuld daran tragen, nur ich nicht.“
Folgerichtig wurde Morgan zu dem Film von der Klage zweier übergewichtiger Teenager inspiriert, die McDonalds verklagten.
Nein, bei aller berechtigter Kritik an unserer Konsumgesellschaft, bei allem Misstrauen kapitalismusgläubiger Politik gegenüber, bei aller Sympathie für das gemeine Volk: Eine aufgeklärte Welt braucht mündige Bürger, keine Idioten, die sich jeden Mist aufschwatzen lassen. Und meiner Meinung nach ist es absoluter Bockmist zu behaupten, der freie Bürger hätte keine Wahl, sich der Werbung und der Produkte von McDonalds (und anderen) zu entziehen. |