Micky auf Gespensterjagd


Dieser Ende 1979 erschienene Band enthält die vielleicht besten Micky Maus-Storys in der LTB-Geschichte. Aus dem Rahmen fällt Nummer 62 dabei schon deshalb, weil abgesehen von der letzten (Gag-)Story sämtliche Geschichten aus den 50er (!) Jahren stammen. Zeichnerisch absolut topp, überzeugen die meisten Storys zudem durch extrem viel Witz sowohl optischer, als auch inhaltlicher Natur, extrem originellen, ja, ausgeflippten Plots sowie durchwegs clever charakterisierten Figuren.
Kurzum: Wer den „neuen“ (Kaschperl)Micky liebt, sollte gerade um diesen Band einen weiten Bogen machen – er wird von Witz, Charme und Niveau der folgenden Geschichten heillos überfordert sein…

 

Übersicht

Das doppelte Geheimnis des Schwarzen Phantoms

Der Schrecken der Meere

Das verkorkste Gespenst

Micky und die gigantischen Grillen

Micky und das tragische Ende

 

Bereits die (durchaus gelungene!) Vorgeschichte lässt nur Gutes erahnen: Goofy stapft als Briefträger durch ein weihnachtliches (als Erscheinungstermin war der Juli vielleicht nicht ganz glücklich gewählt…) Entenhausen und bringt allen Entenhausenern Frohe Weihnachtspost. Nur einem nicht: Der im Wald lebenden, alten Hexe (jawohl: Die Hexe aus „Cinderella“!), die niemand mag. Erzürnt verhext sie Goofy und befiehlt ihm, ihr einen Weihnachtsbaum zu bringen. Natürlich bringt Goofy, tölpelhaft wie immer, ein bisschen was durcheinander und treibt stattdessen die älteste Frau der Welt auf…
Gamma und die Sieben Zwerge bemerken, dass Goofy unter einem Zauber steht und beschließen, die alte, böse Hexe mit Weihnachtsgeschenken und Filmen (nachfolgende Geschichten) in friedvolle Stimmung zu versetzen.
Für eine Vorgeschichte ganz lustig und annehmbar!

Los geht's mit einem Höhepunkt der gesamten LTB-Geschichte: In Das doppelte Geheimnis des Schwarzen Phantoms bekommt es Micky mit seinem neben Kater Karlo ärgsten Feind zu tun. Auf unglaublich perfide Art und Weise fädelt das Schwarze Phantom einen Plan ein, um den ihm verhassten Micky auszuschalten. Via Fernseher (ein Schelm, wer darin keine augenzwinkernde Ironie erkennt) hypnotisiert er den braven Detektiv und bringt ihn so dazu, ungewöhnliche Aktionen zu unternehmen.
Natürlich dürfen Goofy (der als Nachtwächter einen höchst exotischen Job ausfüllt) und Kommissar Hunter nicht fehlen, die bei einem Ablenkungsmanöver des Schwarzen Phantoms Micky zur Seite stehen: In den Hutmacher-Laden des verrückten Hutmachers aus „Alice im Wunderland“ wurde eingebrochen. Der Schaden hält sich in Grenzen, schließlich trägt „heutzutage kaum noch jemand einen Hut“ – weshalb also den Laden mit Hüten füllen? Nur der Hut des verrückten Hutmachers selbst wurde gestohlen. Und ausgerechnet dieser soll laut dem Schwarzen Phantom die Stadt Entenhausen in den Abgrund reißen…

Zu Recht steht diese Geschichte im Ruf eine, wenn nicht gar die beste aller Micky-Geschichten zu sein! Eine extrem gut durchdachte, interessante Plot-Idee mit vielen alten Bekannten (Gamma und sein Hund Fips tragen zur Lösung des Rätsels bei), tolle, atmosphärische Zeichnungen, viel Witz und ein im Gegensatz zu Kater Karlo faszinierender Antagonist stellen eindrucksvoll unter Beweis, warum der Italiener Romano Scarpa jene Bedeutung für Micky besaß, die Carl Barks für die Ducks inne hatte.
Einziger, klitzekleiner Wermutstropfen: Eine angedeutete Ermordung mit einem riesigen Fleischmesser. Aber gut, früher ging´s auch in den Comics mitunter rauer zu…

Nach diesem herausragenden Auftakt kann die nächste Geschichte ja nur abfallen. Sollte man meinen, denn Der Schrecken der Meere hält mit dem Niveau der vorhergehenden Story mühelos mit.
Micky hat erfahren, dass einer seiner Vorfahren der berüchtigte Pirat Miguel war, der im 18. Jhdt. sämtliche Weltmeere unsicher machte. Von einem Verleger erhält er deswegen die Bitte, er möge doch die Abenteuer seines berühmten Urahns zu Papier bringen. Dieser Bitte kommt Micky zwar begeistert nach, doch wird sein Eifer vom zwielichtigen Samson getrübt, der behauptet, er hätte Beweise dafür, dass Miguel in Wahrheit kein großer Pirat, sondern ein ganz gewöhnlicher Matrose gewesen sei.
Zwar wird Mickys Biographie über Miguel ein großer Erfolg, doch Samsons Behauptungen liegen wie ein dunkler Schatten über dem Ruhm seines Vorfahren. Mit Gammas Hilfe beschließt Micky deshalb, sich persönlich davon zu überzeugen, dass Miguel jener gefürchtete Rechtlose war, als den er ihn beschrieb. Dummerweise werden Micky und Gamma bei ihrem Streifzug durch die Vergangenheit schanghait und landen als Sklaven für niedere Dienste auf einem englischen Kriegsschiffe.
Trotz aller Unbill – und des ihnen heimtückisch folgenden Samsons – gelangen Micky und Gamma auf die Pirateninsel, wo sie auf Miguel treffen. Und dabei erleben Sie eine unangenehme Überraschung nach der anderen…

Zeichnerisch bewegt sich die zweite Geschichte des Bands sogar auf einem noch höher anzusiedelnden Niveau als die erste. Noch detaillierter, noch verspielter sind die Panels, die zudem dadurch glänzen, dass sich das gesamte Geschehen nicht zwangsläufig streng in den Grenzen der viereckigen Panels abspielt (was übrigens in den genialen „Goofy“-Alben der 80er Jahre auf die Spitze getrieben wurde). Extrem originell ist die Art des Zeitreisens: Statt einer Maschine sind es eine Art „Zeittapeten“, die Gamma dazu in die Lage versetzen, in jede beliebige Epoche zu reisen.
Wie bei Zeitreisen unausweichlich, bringt das Wissen um die Vergangenheit für die Zeitreisenden einige Komplikationen mit sich.
Einige herrliche Nebenfiguren verleihen der Geschichte die richtige Prise Pfiff: Etwa ein typisch englischer, arroganter Admiral sowie ein „Auspeitscher“, der eine ziemlich eindeutige Zorro-Parodie (wenngleich ohne Maske) darstellt und als „mit langer Peitsche und kurzem Verstand“ charakterisiert wird.
Natürlich runden viele Witzeleien und Gags die spannende, interessante Story ab.

Der humoristische und zeichnerische Höhepunkt des Bands folgt mit Das verkorkste Gespenst . Micky und Goofy kommen früher als geplant von anstrengenden Dreharbeiten (eine kleine Unachtsamkeit der Übersetzer) nach Hause. Leider haben sie ganz vergessen, dass sie ihre Wohnungen für die Dauer der Dreharbeiten vermietet haben. Notgedrungen wenden sie sich an einen Makler (dessen Firmenslogan lautet: „Vertrauen Sie mir und Sie sind bedient“, woraufhin Micky trocken feststellt: „Na, der ist wenigstens ehrlich!“), der ihnen eine schaurige, an das Domizil von Bates in „Psycho“ erinnernde viktorianische Bruchbude andreht.
Doch dies ist Micky und Goofy egal – sie wollen einfach nur ausschlafen! Um so störender sind da seltsame Geräusche aus dem Keller, denen der umtriebige Micky natürlich auf den Grund gehen muss. Tatsächlich finden sie bald heraus, was es mit dem Geräusch auf sich hat: Im Kellergewölbe wurde 150 Jahre zuvor ein Räuber (anscheinend bei lebendigem Leibe eingemauert), der als „verkorkstes Gespenst“ herumgeistert und sich selbst nicht erklären kann, warum er von den Mauern festgehalten wird. Dank Micky und Goofy kann er sich endlich aus dem Gefängnis befreien und macht den beiden Entenhausenern das Leben schwer.
Anfänglich eher feindlich gestimmt, freundet sich das Gespenst Guido mit Micky und Goofy an und darf – da in der „Geisterfundstelle“ leider kein Platz mehr frei ist, wie Micky telefonisch erfährt – bei ihnen wohnen, schwört seinen Schandtaten der Vergangenheit ab und wird zu einem vorbildlichen Staatsbürger. Als er jedoch in die Fänge des extrem zwielichtigen, orientalischen Professors Ali Blabla gerät, scheint er auf die schiefe Bahn zu geraten. Wie gut, dass es Micky gibt, der sich um den etwas einfältigen Guido sorgt…

Wie eingangs erwähnt, legt diese Story die Latte an Humor noch einmal eine Stufe höher! Alle Arten an Humoresquen, von Klamauk über absurden Humor, werden reichlich serviert. Besonders köstlich: Zu Ali Blablas Geschäftszirkeln zählen „Geisterschreiber“. Wobei in diesem Falle die Eindeutschung etwas unglücklich gewählt wurde. Jedenfalls habe ich in meiner Kindheit lange darüber gerätselt, was „Geisterschreiber“ seien. Erst später hörte ich den Begriff „Ghostwriter“…
Gezeichnet ist das Ganze ungemein detailliert und liebevoll, teilweise mit schauriger Atmosphäre – etwa, wenn die Schweinwerfer von Mickys Wagen nur teilweise das düstere Interims-Domizil beleuchten.

Extrem zwiespältig gestaltet sich die vierte Geschichte: Micky und die gigantischen Grillen . Der Beginn ist vielversprechend und lustig: Micky und Goofy wollen auf einem Jahrmarkt eine neue Erfindung an den Mann bringen, die im Grunde nicht mehr als Seifenblasen erzeugt. Durch Goofys Missgeschick bricht ein Brand aus, den die beiden löschen, indem sie einen Wasserschlauch an einen Tankkessel mit Lachgas (!) anschließen. Warum Lachgas flüssig sein soll, erschließt sich dem Leser nicht …
Warum es Lachgas sein soll, hingegen schon: Um einen durchaus witzigen Gag einzubringen: Micky bespritzt Polizisten, die ihn festnehmen wollen, mit dem Lachgas, woraufhin die braven Ordnungshüter wie Betrunkene umher laufen und lustige Ständchen zum Besten geben. Dies erbost übrigens ausgerechnet Kater Karlo (mit Holzbein, sodass der Verdacht nahe liegt, dass es sich eventuell nicht um Kater Karlo sondern um dessen Vetter Kater Kuno handelt) in solchem Maße, dass er im Kommissariat anruft und sich über die „betrunkenen Beamten“ beschwert, denn: „wozu zahlt man denn die vielen Steuern?“
Unterdessen wird Goofy bei einer Zauber-Vorführung hypnotisiert und hält sich plötzlich für einen fiesen Verbrecher, der den Sieben Zwergen (schon wieder!) ein Vergrößerungsserum abluchsen möchte. Micky muss nun versuchen, ihn daran zu hindern – was wiederum zu einer Katastrophe führt, in deren Verlauf titelgebende Riesengrillen wie eine Bande Godzillas über Entenhausen herfallen…

Das witzige Einstiegsniveau fällt gegen Ende hin ziemlich auf null. Unverständlich, da es einige sehr überzeugende Gags gibt. So befindet sich etwa Micky (mit einem Löwen auf dem Beifahrersitz!) auf der Flucht und fährt eine Bergstraße entlang. Ein Straßenschild verspricht „zauberhaftes Panorama nach 10 Metern“ – was auch stimmt, da nach 10 Metern die Straße zu Ende ist und es abwärts geht…
Insgesamt eine mittelprächtige Geschichte, die einige Lacher birgt, doch en gros nicht überzeugen kann, zumal der Subplot mit den Riesengrillen unnötig wirkt.

Nicht gerade einen würdigen Abschluss bietet der Zehnseiter Micky und das tragische Ende . Dabei handelt es sich um einen zwar netten, aber völlig sinnlos aufgeblasenen Witz, den man auch auf zwei Seiten problemlos untergebracht hätte. Ganz klar: Ein Lückenfüller und nicht der Rede wert.

Fazit: Alleine die ersten drei Geschichten lohnen den wiederholten Genuss dieses wohl letzten ganz großen LTB-Bands völlig und beweist, dass gute (!) Micky-Geschichten den von den meisten Lesern favorisierten Duck-Storys in Nichts nachstehen, ja, teilweise sogar weitaus phantasievoller und origineller sind!